Alkohol bei der Bundeswehr
– Ein Bericht von Carsten Krautwald -
Es wird viel darüber gesprochen, welche Rolle der Alkohol bei der Bundeswehr spielt. Hier berichtet ein Betroffener über seine Erfahrungen und Gedanken.
Jeder kennt den Begriff Berufsalkoholiker, der im Volksmund die Runde macht, wenn am Stammtisch das Thema Bundeswehr diskutiert wird. Aber ist dieser Begriff wirklich gerechtfertigt? Statistiken zum Alkoholkonsum in der Bundeswehr dürften wohl zu den absoluten Ausnahmen gehören, fraglich ob generell Statistiken erhoben wurden.
Was bleibt uns da anderes übrig, als in die privaten Erfahrungen einzutauchen? Dieses ist zwar äußerst gefährlich, weil man vor Übertreibungen nie richtig gefeilt ist, aber getreu dem Motto Sagen haben einen wahren Kern, lässt sich dennoch ein gewisses Grundmuster herauskristallisieren. Meine persönlichen Erfahrungen umfassen allerdings nur lediglich 2 Monate, die AGA (Allgemeine Grundausbildung). Anschießend zog ich es vor den intelligenteren Dienst am Volk zu übernehmen. Dennoch ließen sich gewisse Tendenzen erkennen, die in die Richtung des übermäßigen Alkoholkonsums deuteten, ja sogar schon gingen.
Es dauerte nicht lange und die ersten Stuben, fingen an, nach Dienstende die erste Kiste Bier aus dem Mannschaftsheim zu besorgen. Dabei trat das Phänomen des Gruppenzwanges immer verstärkter auf. Selbst die Kameraden, welche nicht unbedingt angetan von dem Gedanken waren, den Abend im Suff zu beenden, wurden dazu angehalten mitzutrinken.
Anti-Alkoholiker waren noch mehr verpönt als Nichtraucher. Der Alkoholkonsum war dabei eher regelmäßig, als mäßig. Die Behauptung, dass in einigen Stuben jeden Abend eine Kiste Bier geleert wurde und dazu noch härtere Alkoholiker konsumiert wurden, lässt sich allerdings nicht halten. Dennoch war der Alkoholkonsum übermäßig hoch.
Ich würde nicht auf die Idee kommen meine persönlich Meinung kundzutun, würde ich mit dieser Erfahrung alleine dastehen. Es könnte ja ein Einzelfall gewesen sein. Könnte!? Ist es aber anscheinend nicht. In meinem Bekanntenkreis befinden sich derzeit 3 weitere Personen bei der Bundeswehr. 2 davon sind normale Wehrpflichtige und haben die AGA seit längerem hinter sich, und der dritte ist als Zeitsoldat angestellt – mein Bruder.
Weiterhin konnte ich Stimmen von ehemaligen Schulkameraden einfangen, welche die Bundeswehrzeit als Wehrpflichtige schon hinter sich gebracht hatten. Nun ja, zugegeben, nicht allzu repräsentativ, aber mal Hand aufs Herz: Wie viele Berichte über den Alkoholkonsum in der Bundeswehr kennen Sie? Mit Sicherheit nicht wenige. Nicht umsonst der Begriff Berufsalkoholiker.
Aus diesem Personenkreis jedenfalls, ließen sich auch weitere Exzesse ausmachen, die immer nur in das gleiche Bild mündeten: Wehrpflichtige kommen bei der Bundeswehr mehr als “freie Staatsbürger” mit Alkohol in Kontakt. In wiefern man Erfahrungsberichten glauben schenken darf, dass Bekannte nach besonderen Aktivitäten (Übungen etc.) kurz vor der Alkoholsucht seien, mag ich nicht beurteilen. Klar ist aber auch, dass in Sachen Alkohol oftmals übertrieben wird. Doch würde man nicht übertreiben wollen, wenn sich der Konsum in Maßen halten würde.
Ich möchte nun ein paar Gedanken zu dieser Thematik niederbringen. Es fällt auf, dass es sich bei den beschriebenen “Sauf-Erlebnissen” nur um Wehrpflichtige handelt. Berufs- und Zeitsoldaten sind oftmals, wenn in Einzelfällen auch nicht immer, von diesem Phänomen ausgenommen. Ein Feldwebel begründete mir gegenüber dieses Verhalten dadurch, dass die Wehrpflichtigen abends versuchen, dass am Tage erlebte zu Verarbeiten. Das die AGA oftmals hart an die Grenze des Einzelnen gehen kann ist z. B. ein solcher Punkt. Die Soldaten versuchen ihren Frust in dieser Phase, der schwierigsten der Ausbildung, mit Alkohol zu lindern. Man setzt sich also die Rosa-Brille auf, um dem Tag noch etwas gutes abzugewinnen. Dieses Verhalten zieht sich dann in die Zeit nach der AGA rüber. Angewohnheiten. Diese Erklärung scheint mir recht logisch und schlüssig.
Dennoch, es mag wohl noch andere Gründe gegeben. Die Tatsache, dass die neuen Wehrpflichtigen schon mit den Geschichten der Ausgedienten überschüttet werden (”Pass’ auf! Da wirst Du zum Alkoholiker!”), trägt dazu bei, dass die Sache auf die leichte Schulter genommen wird. Traditionen möchte man nicht so schnell brechen. Und wenn es bei den anderen so war, warum soll es jetzt nicht auch so sein?!
Weiter kommt hinzu, dass Kasernen oftmals abseits des Trubels liegen und die Freizeitangebote nicht jedermanns Sache sind. Man ist dazu angehalten etwas in der Gruppe zu unternehmen, anstatt seinen gewohnten Freizeitaktivitäten des Zivillebens nachzugehen.
Gruppenverhalten kommt im Privatleben oftmals nur am Wochenende vor, zumindest in einer vergleichbaren Atmosphäre. Wochenende wird oftmals mit Party, Disco oder Kneipenrundgängen in Verbindung gestellt. Nun entwickelt sich diese Atmosphäre bei der Bundeswehr jedoch nicht nur am Wochenende sondern jeden Tag. Da bleibt auch der Alkoholkonsum nicht aus. Was allerdings darauf zurückzuführen ist, dass es in der heutigen Zeit den Leuten oftmals schwer fällt ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. Man versucht die heutige Perspektivlosigkeit mit berauschenden Mitteln ein wenig aufzulockern.
Perspektivlosigkeit ist für Wehrpflichtige ein rein temporäres Problem, welches sich über etwa 10 Monate hinwegzieht. Es bleibt sich gleich, ob man sich abends betrinkt oder nicht. Man bleibt Soldat. Im Zivilleben sieht das schon anders aus. Da kann man mit einer solchen Einstellung schon mal sein Leben “verplanen” – falls man dabei noch von planen reden kann.
Da der überhöhte Konsum von alkoholischen Getränken nach der Wehrpflicht wieder auf ein, dem Zivilleben angepasstes, normales Maß fällt, gehe ich soweit das Problem der Wehrpflicht und deren Umständen anstatt den jeweiligen Wehrpflichtigen anzukreiden.
Erfahrung, Berichte und Gedankenspiele zeigen aber eines deutlich:
Der Begriff Berufsalkoholiker ist falsch! Es muss Pflichtalkoholiker heißen!
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