Sucht und Psychose
Wie korrelieren Abhängigkeit, Sucht und Psychose miteinander? Wie können diese Krankheiten behandelt werden? Wie fühlt sich der Grenzbereich der Psychose an – woran erkenne ich sie?
Schizophrenie und Suchtkrankheiten treten häufig gemeinsam auf. In Deutschland sind bis zu einem Drittel aller an Schizophrenie Erkrankten alkoholkrank. Auch der Konsum illegaler Drogen ist bei diesen Menschen deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung. Dennoch führt Drogenkonsum nicht zwangsläufig zu einer Psychose. Bei Drogenabhängigen sind die Unterschiede zwischen Normalität und Wahn allerdings sehr gering.
Das ergibt eine Studie von Roland Kaiser, die an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität zu Köln angefertigt wurde. Der Wissenschaftler befragte an einer Rehabilitationsklinik für junge Drogenabhängige schizophrene und nicht-schizophrene Patienten nach ihrem Rauschmittelkonsum. Dabei wurde nach Alkohol, Cannabis, Heroin, Kokain, Ecstasy, Valium, LSD, Schnüffelstoffen und halluzinatorischen Pilzen unterschieden. Es zeigte sich, dass der Konsum von Cannabis-Produkten, wie Haschisch oder Marihuana, die Tendenz zu Psychosen erhöht. Abhängige ohne gleichzeitige Schizophrenie nehmen dagegen mehr Opioide (Heroin) und Kokain ein.
Beide Gruppen, schizophrene und nicht-schizophrene Patienten geben mehrheitlich an, nervös und innerlich unruhig zu sein. Auch Angstzustände treten bei beiden Patientengruppen auf. Zwei von drei der Drogenabhängigen sind leicht verletzbar, scheu, leiden an Schuldgefühlen oder machen sich unberechtigt viele Selbstvorwürfe. Auch eigenartige Körpergefühle, wie Kribbel-, Kälte- oder Druckempfindungen werden erlebt.
An einer Psychose leidende Abhängige erleben ihre Gedanken als “durcheinander”. Sie leiden unter starken Stimmungsschwankungen. Häufig tritt das Gefühl auf, daß seltsame Dinge vor sich gehen und die Mitmenschen sich verändern. Alles kann dann als bedrohlich und gegen sich selbst gerichtet empfunden werden. Die eigenen Gedanken sind fremd, können von anderen gelesen werden oder hallen im Kopf wie ein Echo. Es treten Halluzinationen, Verfolgungs- oder Größenwahn auf.
Diese Erscheinungen, die eine schizophrene Erkrankung auszeichnen, stehen im Wechselspiel zum Drogenkonsum des Psychotikers. Der Verlauf einer Erkrankung lässt sich auch im Drogenkonsum ablesen. Überraschenderweise findet sich, so Dr. Kaiser, das gleiche Wechselspiel von Drogenmissbrauch und krankhaften Erscheinungen bei Drogenabhängigen, die nicht als psychotisch krank eingestuft werden. Der Unterschied zwischen schizophrenen und nichtschizophrenen Abhängigen verschwimmt, zumindest bei den schwer suchtkranken Patienten dieser Spezialklinik. Nicht-schizophren erkrankte Abhängige können also ganz ähnliche Krankheitsmuster aufweisen wie schizophrene Patienten. Eine traditionelle Suchtbehandlung kann für diese Menschen ungeeignet sein.
[Quelle: Doris Marszk, idw]
Siehe auch
Spektrum Ticker vom 26.5.1998 “Zuwenig Hemmung”
(nur für Ticker-Abonnenten zugänglich)
Spektrum Ticker vom 14.5.1998 “Ein möglicher Faktor der Sucht”
(nur für Ticker-Abonnenten zugänglich)
Spektrum der Wissenschaft 10/93, Seite 50
“Schizophrenie – Suche nach Ursachen und Auslösern”
(nur für Heft-Abonnenten online zugänglich)
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