Opfer werden durch Medikamente willenlos

Kategorie Medikamente - 03/2001

- Ein Zitat aus dem Archiv der Zeitung DIE WELT -

Vergewaltiger spendieren ein präpariertes Getränk und führen die Frauen fort – Erinnerung kehrt nur in Bruchstücken zurück

London – Sie können sich an nur wenig erinnern: einzelne grauenvolle Bilder, das Gefühl von Hilflosigkeit. Doch gerade weil ihnen die Erinnerung fehlt, ist es ein Alptraum für Martha Musset und ihre Freundin Agueda Varella. Die Engländerinnen wurden von drei Männern vergewaltigt – nachdem sie zuvor mit sogenannten “rape drugs” (Vergewaltigungsdrogen) willenlos gemacht wurden.

Martha und Agueda, die von ihrer Vergewaltigung am Dienstag Abend in einer BBC-Dokumentation erzählten, sind keine Ausnahme: Sie gehören zur wachsenden Zahl von Frauen, die mit Hilfe von speziellen Drogen wie dem Schlafmittel Rohypnol Opfer von Vergewaltigungen werden – ein Problem, das in den USA seit Jahren bekannt ist und jetzt verstärkt nach Europa schwappt.

Ein Glas, von Fremden spendiert, veränderten die Leben der 30jährigen Frauen. Martha und Agueda hatten sich Anfang des Jahres im beliebten Londoner Kneipenviertel Covent Garden getroffen. Zwei Männer spendierten ihnen einen Drink. Danach riss der Gedächtnisfaden.

Die beiden Frauen verließen mit den Männern die Kneipe, stiegen in ein Taxi, fuhren zu einer Wohnung, in der plötzlich ein dritter Mann auftauchte. Die Männer zogen sie aus und vergewaltigten sie, so die Ermittlungen. An all das konnten sich Martha und Agueda am nächsten Tag nicht mehr erinnern. Sie wachten nur mit einem chemischen Geschmack im Mund auf und dem Gefühl, Sex gehabt zu haben. In den folgenden Tagen mehrten sich blitzartige Erinnerungsfetzen. Erst nach 72 Stunden hatte die Wirkung des Schlafmittels Rohypnol, das die Männer ihren Getränken beigemischt hatten, völlig nachgelassen. Ällmählich dämmerte Martha und Agueda, dass sie betäubt und vergewaltigt worden waren. Doch eine zusammenhängende Erinnerung blieb bis heute aus.

Graham Rhodes, Sprecher von der Roofie Foundation, einer privaten britischen Hilfsorganisation für Drogenvergewaltigungen: “Uns sind Fälle aus Griechenland, Spanien, der Türkei und Deutschland bekannt. Vor acht Monaten haben wir in England eine Hotline für betroffene Frauen eingerichtet. Seitdem registrierten wir 300 Fälle. Doch das ist höchstens die Spitze des Eisbergs. Viele Frauen trauen sich nicht, das Verbrechen anzuzeigen, weil sie fürchten, dass ihnen niemand glaubt.”

Die Furcht der Frauen ist nicht unberechtigt. Denn die Mittel sind heimtückisch: So lösen sich beispielsweise die Rohypnol-Pillen in Sekundenschnelle auf, sind geschmacks- und geruchlos und wirken innerhalb von Minuten. Die Opfer reagieren, als seien sie ein nur wenig betrunken. Tatsächlich funktioniert jedoch schon nach kurzer Zeit nur noch ihr Körper, aber nicht mehr ihr Bewusstsein. Willenlos gehen sie mit ihren Vergewaltigern mit.

Auch die Anwältin Lynda Greenwood ist Opfer einer Rohypnol-Vergewaltigung und gründete danach Roofie: “Das schlimmste ist, dass dir niemand glaubt. Wenn man sich an den Täter noch erinnern kann, und dieser von der Polizei tatsächlich gefasst wird, behauptet er einfach, man habe freiwillig mit ihm Sex gehabt. Zeugen wie Kellner oder Gäste bestätigen, dass man nicht gezwungen wurde, mitzugehen.”

Einen wirksamen Schutz außer permanenter Kontrolle über seine Getränke gibt es nicht. Zwar hat die Herstellerfirma von Rohypnol, Hoffmann LaRoche, der Pille inzwischen einen Farbstoff beigefügt. Doch dieser ist in Flüssigkeit erst nach 20 Minuten sichtbar – wenn die Opfer bereits genug getrunken haben und die Wirkung meist schon eingetreten ist. “Das Mittel zu verbieten macht auch keinen Sinn. So sind beispielsweise in Ägypten Fabriken bekannt, die es illegal herstellen”, sagt Greenwood. Besonders schlimm sei, dass die Polizei auf solche Fälle entweder gar nicht oder unangemessen reagiert. Sie behandelt die Frauen wie reguläre Vergewaltigungsopfer, legt ihnen die gleichen Fragenprotokolle vor und reagiert entnervt, wenn die Opfer sich an kaum etwas erinnern. Ein Blut- und Urintest, mit dem nur innerhalb von 72 Stunden Rohypnol noch nachgewiesen werden kann, wird meist nicht oder zu spät angeordnet. “Von den uns bekannten Fällen wurden lediglich sechs von der Polizei weiterverfolgt. In keinem der Fälle kam es zu einer Gerichtsverhandlung”, sagt Greenwood. “Es ist praktisch ein perfektes Verbrechen.”

Und für die Opfer eine doppelte Qual: Sie haben nicht nur mit der Scham der Vergewaltigung zu leben, sondern auch mit dem Horror einer verlorenen Erinnerung. “Das schlimmste ist, nicht genau zu wissen, was diese Männer gemacht haben”, sagt Martha. Der Organisation Roofie sind auch Fälle bekannt, bei denen die Frauen während der Vergewaltigung gefilmt wurden. Bei vielen Opfern kommen erst Jahre später bislang im Unterbewusstsein verschollene Erinnerungen wieder hoch. “Eine Frau konnte sich nach sieben Jahren zum ersten Mal an viele Details erinnern”, erzählt Rohdes. Die seelischen Wunden werden dadurch immer wieder aufgerissen. Auch Martha und Agueda leiden an Angstzuständen und Depressionen. Agueda, die nach ihrer Vergewaltigung schwanger wurde, muss zudem die psychischen Folgen einer Abtreibung ertragen.

[Quelle: ein Artikel von von Heike Vowinkel erschienen in der Zeitung DIE WELT vom 20.08.1998]

Links zum Thema “Rohypnol”

Fan-Seite der Fernseh-Serie “Akte X”

Deutsche Techno-Seite, wo die Disco “Mixmag” informiert

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Kategorie Medikamente - 6 Kommentare.

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  1. 1. Valencia schrieb:

    Mir ist es Ende der 80er Jahre in Spanien passiert.

    Erst 20 Jahre später waren ausreichend Erinnerungslücken geschlossen, um das Erlebte mit professioneller Hilfe aufzuarbeiten.

  2. 2. Berlin schrieb:

    Mir ist es 2010 passiert. Ich weiss sogar, wer er ist, eine Anzeige kann ich mir jedoch sparen, da ich einfach zu spät wieder `zu mir kam´.
    Diese feigen Schweine!
    Oft weiss ich nicht wie es weitergehen soll.

  3. 3. nk schrieb:

    ich bin auch opfer von 2 männern geworden, die mir ein präpariertes getränk mit liquid extasy verabreichten.

    ich kann nur davor warnen, nehmt keine getränke von fremden an! und trinkt bitte nur etwas, wenn ihr seht wie es eingeschenkt wurde und ihr es nich aus den augen gelassen habt!

  4. 4. Andreas schrieb:

    Versteht sich von selbst nichts von Fremden zu trinken. Das Einschenken sollte man auch im Auge haben, gerade in einem fremden Land.

    mfg

  5. 5. Sarah schrieb:

    Gerade in einem fremden Land? So ein Quatsch! Das kann dir überall passieren,auch in Deutschland!!

  6. 6. Dirk schrieb:

    Es häufen sich in letzter Zeit immer wieder Fälle,die mit der Vergewaltigungsdroge Rohypnol zu tun haben.
    Diesen Menschen müssten man das gleiche antun wie deren Opfer.
    Mein Glaube verbietet es mir.
    Aber es gibt Möglichkeiten,diese Menschen zu bestrafen.
    Ich verabscheue solche Personen.
    Ich rate jedem :Zeigt eure Peiniger an und macht ihnen das Leben zur Hölle.

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