Aufklärung zum Thema Drogen

Kriminelle Berichterstattung über Cannabis-Sucht bei Affen

– Ein Bericht von Psychonaut –

Kriminelle Berichterstattung über Cannabis-Sucht bei AffenSeit Mitte Oktober kursiert ein neues Gerücht über das Suchtpotential von Cannabis. Tierexperimente sollen angeblich bewiesen haben, dass Cannabis genauso süchtig macht wie z.B. Kokain. Was ist da dran?

Inhalt



1 Was haben Forscher im Experiment überprüft?

Zunächst wird der Text des “Spiegel-Tickers” zitiert, der die Zusammenhänge sehr differenziert aufzeigt:

“Macht Marihuana Affen süchtig?
Im Labor verpassen sich Affen – wenn man sie lässt – regelmäßig THC-Injektionen. Ist das ein Hinweis darauf, dass Marihuana abhängig macht? Die Experten streiten sich.
Die meisten Drogen, die von Menschen missbraucht werden, werden auch von Labortieren aktiv konsumiert. Lediglich Marihuana stellte bislang eine Ausnahme dar. Dass dem nicht so sein muss, will nun eine von US-Behörden initiierte Studie herausgefunden haben.
Steven Goldberg vom National Institute on Drug Abuse (Nida) hat Totenkopfäffchen eine Stunde pro Tag mit einer Kanüle in der Vene sich selbst überlassen. Wenn ein grünes Licht aufleuchtete, konnten die Affen sich bis zu zehn Injektionen mit dem Marihuana-Hauptwirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) verabreichen.
Wie Goldberg herausgefunden hat, gaben sich die Affen bis zu 30 Injektionen pro Sitzung. War die Kanüle dagegen statt an THC an einen Wasserbehälter angeschlossen, verlangten die Affen nur ein Viertel so oft nach Nachschub. Im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht haben die Affen, so Goldberg im Wissenschaftsmagazin “Nature Neuroscience”, mit einer Injektion ungefähr so viel THC aufgenommen wie ein Mensch bei einem Zug an einem Joint.
Die Tiere hätten den Knopf so oft gedrückt wie vergleichbare Affen, denen Kokain zur Verfügung gestellt worden war. Daraus könne allerdings, so der Forscher, noch nicht geschlossen werden, dass Marihuana genauso süchtig machend sei wie Kokain. Allerdings, da ist die Nida überzeugt: Marihuana verursacht zwanghaftes und oftmals unkontrollierbares Verlangen und macht daher süchtig.
Eine durchaus umstrittene These: “Diese Droge macht nicht abhängig”, sagt Lester Grinspoon. Muss er auch, schließlich ist der emeritierte Psychiatrie-Professor der Harvard Medical School Vorsitzender der Norml-Stiftung (National Organization for the Reform of Marijuana Laws), die sich die Legalisierung der Droge auf die Fahnen geschrieben hat.
In der Tat scheint die jetzt veröffentlichte Studie den alten Streit um das Suchtpotenzial von Marihuana und Haschisch nicht zu entscheiden. Denn Goldbergs Untersuchungen geben zunächst keinen Aufschluss darüber, wie sich die Affen verhalten, wenn ihnen kein THC mehr zur Verfügung steht. Grinspoon ist daher überzeugt, dass Marihuana nicht abhängig macht: ‘Die Studie mit den Affen beweist jedenfalls nicht das Gegenteil.’” {1}

Wir sehen also: Trotz experimenteller Ergebnisse ist eine Deutung schwierig. Das ist nicht untypisch für die Forschung, weil die Wirklichkeit eben extrem komplex ist. Jeder, der selbst mal Experimente durchgeführt hat, kennt die Schwierigkeiten, bis man eine logisch zwingende Schlussfolgerung ziehen kann.

Als Hintergrundinformation kann das Buch “Rauschdrogen” dienen {2}, welches sehr ausführlich darstellt, wie Tiere auf alle Arten von Drogen reagieren. Sehr lesenswert.

2 Was melden andere Nachrichten-Ticker?

In dem folgenden Ticker liest sich die gleiche Nachricht schon ganz anders:

“Bewiesen: Marihuana macht süchtig: Amerikanische Forscher haben erstmals das Suchtpotenzial von Marihuana ermittelt. Das berichtet die aktuelle Ausgabe des Fachblatts “Nature Neuroscience“. Die Wissenschaftler um Steven Goldberg vom National Institute on Drug Abuse untersuchten das Suchtverhalten von Affen. Die Tiere durften sich selbst Kokain oder THC, den Wirkstoff von Marihuana verabreichen. Die Forscher zeichneten Häufigkeit und Menge der aufgenommenen Droge auf, und fanden heraus: das Suchtverhalten der Affen gegenüber Kokain und THC war nahezu identisch. Goldberg erklärte dazu: „Es scheint, dass Marihuana auch beim Menschen ein ähnlich hohes Suchtpotenzial besitzt, wie etwa Kokain oder Heroin”. Bisher waren Wissenschaftler von einem geringen Suchtpotenzial der THC-haltigen Drogen Marihuana und Haschisch ausgegangen.” (netdoktor.de, 22.10.2000)ms

Laut diesem Ticker ist also schon alles bewiesen. Schließlich will der Leser Fakten, Fakten, Fakten. Was nützen differenzierte Fragen? Der Leser soll das Gefühl haben, etwas über die Welt verstanden zu haben. Welcher normale Leser würde jetzt noch glauben, dass Cannabis *nicht* abhängig macht?

3 Wie sieht die Wahrheit aus?

Die Wahrheit ist natürlich komplex. Wir können feststellen:

Bisher hat man im Experiment keine Abhängigkeit nachweisen können. In vielen Experimenten haben Affen sogar das Cannabis gemieden, wenn es das Experiment zuließ {3}. Wie ist es möglich, dass nun das Gegenteil herausgefunden wurde? Spielt es eine Rolle, dass US-Behörden diese Studie initiiert haben?

Bei reinem Wasser in der Kanüle wird nur 8 mal (statt 30 mal) auf den Knopf gedrückt. Wie oft würde der Knopf gedrückt, wenn Zuckerwasser injiziert würde? Oder wenn sich eine Klappe geöffnet hätte, durch die der Affe in den Nachbarkäfig hatte gucken können? Erst aus diesen Vergleichen ließe sich eine Interpretation ableiten.

Eine Sucht ist charakterisiert durch zwanghaften Konsum. Was passierte aber in den Experimenten, als es kein Cannabis (THC) mehr gab? Ein Teilnehmer in einem Diskussionsforum brachte es auf den Punkt: “Was ist passiert als man den Affen kein THC mehr gab? Haben diese Blut-kotzend in der Ecke gelegen, oder ging das Leben für sie weiter wie gehabt?“. Dem kann man nichts hinzufügen.
Möglicherweise haben die Affen keinerlei Entzugserscheinungen erlebt. Dies wurde möglicherweise in dem Forschungsbericht verschwiegen. Es ist einfach möglich, ein Forschungsziel einzuschränken und somit unangenehme Aspekte auszublenden.
Hätten die Affen keine Entzugserscheinungen, so wäre die ganze Studie ziemlich unspektakulär und wäre vielleicht nicht veröffentlicht worden. (Und der Ruf eines Wissenschaftlers nimmt bekanntlich mit der Zahl seiner Veröffentlichungen zu…)

4 Was lernen wir daraus?

Bei der Interpretation von wissenschaftlichen Newstickern müssen wir sehr vorsichtig sein. Man darf sich nicht durch das allzu Offensichtliche blenden lassen. Ohne eigenes fundiertes Wissen sollte man sich nicht zu schnell auf die Interpretation anderer Menschen verlassen.

Und es bleibt dabei: Das Abhängigkeitspotential von THC auf Affen bleibt ungeklärt.

5 Quellen

{1} = Spiegel-Ticker vom 16.10.2000 (http://www.spiegel.de/wissenschaft/0,1518,98102,00.html)

Vielen Dank an Joe Wein, der darauf hinwies, dass der Spiegel-Ticker eine Übersetzung eines amerikanischen Tickers ist, und somit keine redaktionelle Eigenleistung des Spiegel ist. Der Original-Artikel findet sich in der amerikanischen Zeitschrift:” Gianluigi Tanda, Patrik Munzar, Steven R. Goldberg, Nature Neuroscience Volume 3 Number 11 Page 1073 – 1074

Bild: © dieter haugk / PIXELIO

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