Das erste Mal Cannabis
- Ein anonymer Erfahrungsbericht -
Es beginnt mit einem sanften Hinübergleiten, kaum spürbar und doch ist ab einem bestimmten Punkt die Gewissheit der Drogenwirkung da – die Ebenen haben sich verschoben. Musik erfüllt den Raum, wird lebendig und trägt einen auf ihren Tönen davon in eine andere “Welt”. Der Körper bleibt zurück und wartet auf die Rückkehr des Geistes, der Seele, oder wie auch immer man diesen Teil von sich bezeichnen möchte, um am Ende wieder eins zu werden und sich der Wirklichkeit zu stellen, die sicherlich nicht nur aus ideologischen Gründen den Drogen den Krieg erklärt hat.
Ich muss so 13 Jahre alt gewesen sein, als ich im Religionsunterricht mit den Folgen des Rauschmittelkonsums konfrontiert wurde: Bilder von Herointoten in der Toilette, Reportagen über Menschen, deren einziger Sinn des Lebens darin bestand, das Geld für den nächsten aufzutreiben. Die Kampagne “Keine Macht den Drogen” verfehlte ihr Ziel nicht und ließ in mir die Vorstellung der Droge als Teufelszeug zurück.
Wie aber passte der Freund, der sich Jahre später mir gegenüber offen zum Drogenkonsum bekannte, in dieses Bild? Es gab keinerlei Parallelen zwischen ihm und den Drogenabhängigen aus den “Aufklärungsfilmen”. Das alte Bild geriet ins wanken. Hinter den Drogen musste mehr stecken, als nur die kurze Flucht aus einem hoffnungslosen Leben. Erlebnisberichte, untermauert von biologischen Fakten, führten mich in eine ganz andere Welt der psychotropen Substanzen. Trotz der zahlreichen Publikationen auf diesem Gebiet konnte ich nicht alles wirklich verstehen. Ich wusste nicht, was es heißt räumlich zu hören oder Musik in Farben zu sehen.
Natürlich machte ich mir meine Gedanken darüber, aber das spätere Erleben unter THC übertraf meine Vorstellungen um Längen. Im Rausch der Musik vollzog mein Geist einen Sprung in eine andere Wirklichkeit.
Ich fand mich in einem Zelt wieder, bereit an einem indianischen Ritus teilzunehmen. Draußen wurden die ersten Gesänge angestimmt. Ich horchte den fremden Klängen, während die Silhouetten der Tänzer sich an der Zeltwand abzeichneten. Ein Gefühl von Zugehörigkeit machte sich in mir breit, obwohl ich alles nur als Schattenspiel wahrnahm. Gedanken an meinen zurückgebliebenen Körper traten temporär in mein Bewußtsein. Ich sah ihn – vielleicht ausschließlich in meiner Vorstellung – wartend in meinem Bett liegen. Intuitiv wußte ich, daß sich die Rückkehr in diesen mit dem Nachlassen der Drogenwirkung vollziehen würde.
Mittlerweile ist das Erleben der Zeremonie zur Erinnerung verblaßt, die Einzelheiten in Vergessenheit geraten. Doch die Gesamtheit des Eindruckes – das bewußte Erleben der Trennung von Körper und Geist, die zeitlose Überwindung riesiger Distanzen – hat nichts an ihrer Intensität eingebüßt.
Und mein Körper? Wird er irgendwann den Preis für die Reisen des Geistes bezahlen müssen? Es gab einen Moment, kurz nachdem die Droge ihre volle Wirkung entfaltet hatte, an dem hätte ich diese Frage mit ja beantwortet. Zitternd vor Kälte lag ich auf dem Fußboden. Der Schock, den der epileptische Anfall hinterlassen hatte, saß tief. Stück für Stück fand ich mein Bewußtsein wieder, formten sich die nie gestellten Fragen in meinem Kopf. War meine reise in die andere Wirklichkeit hier zu Ende gegangen? Hatte ich zu sehr mit dem Risiko gespielt? War die Aussage, daß THC beruhigend bei Epilepsie wirkt, nur eine Farce?
Die Zeit rückte die Erfahrung in das richtige Licht. Die Umstände waren die gleichen gewesen: Der epileptische Anfall war – wie so oft schon – eine Kapitulation vor Schmerzen gewesen. Vielleicht wurden diese durch das THC hervorgerufen, mit dem mein Magen ohne weitere Nahrung nicht zurecht kam. Vielleicht lag die Quelle auch ganz woanders.
Der Schock ist inzwischen verarbeitet, mein Geist wieder bereit, die Linie in die andere Wirklichkeit offen und ohne Angst zu überschreiten.
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