Aufklärung zum Thema Drogen

Alkohol: Einmal Sucht und zurück

– Ein anonymer Erfahrungsbericht –

Dieser Bericht schildert ausführlich, wie man in eine Alkoholsucht hineinrutschen kann. Doch die Alkoholsucht ist keine Einbahnstraße.

Hallo, Deine Anregung, etwas zum Thema Alkoholabhängigkeit zu schreiben, greife ich gerne auf. Es gibt immer etwas zu vermitteln, wenn man einmal den Schritt unternommen hat, offen über sein persönliches Problem mit Alkohol zu sprechen und auch letztendlich dazu zu stehen.

Der schleichende Übergang vom Mißbrauch zur Abhängigkeit geht irgendwann vonstatten, das ist hoffentlich jedem Betroffenen klar. Auch bei mir vollzog er sich ohne Paukenschlag, das ist ja das Tückische an dieser Krankheit. Es bedarf nach meiner Erfahrung eines tiefen Einschnittes in das gewohnte Leben, um den Weg in die Abstinenz zu finden.

Beruflich seit Jahren in der Informatik tätig, suchte ich jede Herausforderung, die sich stellte, um Neues zu lernen, aber auch um mich an meine persönliche Grenzen heranzutasten. Ein Angebot 1993, neue Standard Software als verantwortlicher Projektleiter gemeinsam mit einem Team von Anwendern auszusuchen und einzuführen, war schon eine große Herausforderung. Ich habe diese Aufgabe nach reiflicher Überlegung angenommen.

Im Umfeld dieser Aufgabenstellung einschließlich Trennung von der Familie in der Arbeitswoche, entwickelte sich ein Trinkmuster, zunächst um Streß, Probleme, Einsamkeit, physische und psychische Überbelastung zu kompensieren. Abends nach Dienstschluß in der Zweitwohnung oder mit „Freunden“ in der benachbarten Kneipe wurde konsumiert, um alles zu verdrängen, was sich tagsüber aufgebaut hatte. Unter Alkoholeinfluß gelang das prächtig, ich lief auch abends zur Höchstform auf, vergaß aber dabei, mich mit meinen Problemen auseinanderzusetzen und sie möglichen Lösungen zu zuführen.

Jahre später, etwa 1996, durchaus erfolgreich in der modulweisen Einführung der Software, wurde daraus immer mehr. Auch an den Wochenenden zu Hause, bei Feten in Freundeskreisen, anläßlich Familienfeiern, zeigte sich der Trend zu starkem Alkoholgenuß immer öfter. Am Wochenende gibt es ja kein Morgen bei der Arbeit, also heidewitzka, noch ein Glas Wein oder noch eine Flasche Bier, noch einen Kurzen !
Das Informatik-Projekt war erfolgreich beendet, ich machte mir schon ernsthaft Gedanken, wie geht es weiter, gibt es Folgeprojekte oder was passiert anschließend. Da erreichte mich eine neue Aufgabenstellung: noch größere Herausforderungen, noch interessantere Problemstellungen, viele Auslandsreisen, ein gänzlich neues Lebensgefühl. Ich ließ mich abwerben und übernahm dieses reizvolle Angebot.

Es war mir stets gelungen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mein Alkoholproblem zu verbergen, allerdings hatte ich speziell am Wochenbeginn tagsüber schon mit den Folgen des Alkoholmißbrauchs zu kämpfen. Eine morgendliche Lähmung der Aktivität, Problemlösungen wurden erst einmal verschoben, eigentliche Arbeit begann erst später, machten sich unübersehbar bemerkbar. Als Betroffener ist man sehr geschickt, diese Alarmzeichen zu ignorieren und anderen gegenüber zu kaschieren.
Nach zweijährigem unermüdlichem und sehr erfolgreichem Engagement kam nach fast 40jähriger Berufstätigkeit der Hammer. Wegen fehlender weiterer Projekte kam es zum Aufhebung des Dienstvertrages im gegenseitigen Einvernehmen, Absturz in die Arbeitslosigkeit.

Diese ungewohnte neue Situation, so bedrückend sie auch war, schaffte zumindest Klarheit und Transparenz im Alkoholkonsum und seinen mittlerweile gravierenden körperlichen Folgen und Mißständen. Eines Tages im Oktober 2000 kam der physische und psychische Zusammenbruch.

Schlagartig kam die Einsicht, so geht es nicht weiter, der Wille, mir professionell helfen zu lassen, war riesengroß. Das setzte voraus, mir selbst erst einmal einzugestehen, Du hast ein Riesenproblem, laß Dir helfen, alleine schaffst Du das nicht mehr.
Entgiftung in einer Spezialklinik, anschließender teilstationärer Aufenthalt in einer Tagesklinik, jetzt ambulante Therapie halfen und helfen mir, klare Gedanken zu fassen und mir ein recht klares Bild zu verschaffen, wie es nun eigentlich weitergehen soll. Schon vor der Entgiftung faßte ich den Entschluß, künftig abstinent zu sein, ein Leben jetzt ohne Alkohol zu führen. Geht das eigentlich, habe ich mich oft gefragt ?

Ja, es geht durchaus! Seit Monaten bin ich nun trocken und wenn ich ehrlich bin, war es noch nicht einmal sonderlich schwer. Erst einmal habe ich mich mit Informationen zum Thema Alkohol berieselt und berieseln lassen. Das ist schon deshalb wichtig, um nach Entlassung aus der Entgiftung, der Tagesklinik und der Therapie erkennen zu können, was mir gefährlich werden könnte. Mich mit diesem Thema Alkohol sehr entensiv zu beschäftigen, hat mich stark gemacht. Ich kenne Risiken, ich kann Situationen abschätzen, ich lerne stressfreier zu leben, ich packe Probleme bei den Hörnern und löse sie. Nicht alle, nicht alle auf einmal, aber der Anfang ist gemacht, auch mit größeren Problemen fertig zu werden, so sie dann auf mich zukommen.
Meine durchaus subjektiven Erfahrungen mit Alkohol lassen sich auf den Punkt bringen:

Für Erziehende:

– zu Hause die Gelegenheit meiden, häufig Alkohol zu trinken

– schon früh mit den Kindern über Mißbrauch reden

– erst gar nicht den Eindruck zulassen, Alkohol sei eine göttliche Gabe zur Erlangung von Lebensfreude, Zufriedenheit und dergleichen

Für Betroffene:

– wahrnehmen was passiert, wenn oft und viel Alkohol getrunken wird

– ehrlich zu sich selbst sein, Probleme ansprechen, Fachleute fragen (Drogenberatung)

– sich mit dem Thema Alkoholmißbrauch beschäftigen

– aufhören zu konsumieren, bevor echte Probleme entstehen können, es ist nicht so schwer wie gedacht

– ist eine Abhängigkeit naheliegend, Entgiftung stets unter ärztlicher Aufsicht

– Familie oder gute Freunde einbeziehen, sie helfen

– Lebensphilosophie ohne Alkohol entwickeln

– ein starker Wille hilft sehr bei allen Gefahren

Bei der Lektüre meiner geschilderten Lebensgeschichte und der persönlichen Erfahrungen, die ich machen mußte, wünsche ich allen Betroffenen viel Erfolg in der Bewältigung ihrer Alkoholprobleme, seien es Mißbrauch oder Abhängigkeit, die wirklich dicht beieinander liegen.

 

Image: © and.one / Dollar Photo Club

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